Die Malerin

 

Gisela Radu (geb. 25. Mai 1942 in Krakau, gest. 2. November 2023 in Berlin) war eine deutsche Malerin und Lehrerin der Malerei. Sie hat ein umfangreiches bildnerisches Werk geschaffen, das neben zahlreichen großformatigen Gemälden auch Zeichnungen und Aquarelle umfasst. Sie war der gegenständlichen Malerei verbunden und hat in ihren Bildern gern mit den Mitteln der Eitempera gearbeitet. Über die Jahrzehnte hat sie ein breites thematisches Spektrum in nahezu jedem Genre der bildenden Kunst abgedeckt; stilistisch ist sie immer wieder neue Wege gegangen. In ihrem Werk hat sie menschliches Sein in seiner real-bildlichen Äußerlichkeit gleichsam entschleiert und dadurch in seiner individuellen und sozialen Begrenztheit sinnlich erfahrbar gemacht.

 

Über die Malerin

 

Die Zeitbilder von Gisela Radu

 

Die Bilder von Gisela Radu sind "Zeitbilder" im eigentlichen Sinne des Wortes, in der ganzen möglichen Mehrdeutigkeit des Begriffs. Sie sind auch Bilder mit einem deutlichen Zeitbezug. Gerade im Warten ist es dem Menschen möglich, das Verrinnen von Zeit wahrzunehmen. "Warten" ist in den Bildern von Gisela Radu thematisiert. Menschen scheinen immer zu warten auf ihren Bildern, nicht nur auf den beiden, die mit "Warten I" und "Warten II" benannt sind. 

Räume, die sich entfalten, bieten den Akteuren der Bilder das Feld, in denen sie Positionen beziehen zueinander - im Warten. Spannung wird deutlich. Die Konstruktion des Raumes, seine geometrischen Kraftfelder in Bezug zur Person suggerieren "Magisches". Wenn der Begriff des magischen Realismus nicht kunstgeschichtlich fixiert wäre, hier läge er nahe. Bewegung scheint in den Bildern nicht zu existieren, sie sind auf Dauer angelegt. Der beherrschten gedrückten Farbigkeit wohnt ein düsteres Leuchten inne. Chemische Klänge werden bevorzugt, was die gespannte Körperlichkeit der Bildatmosphäre zu erhöhen scheint. Die sehr persönliche Bilderwelt von Gisela Radu basiert auf existentiellen Erfahrungen, die mit subtilen bildnerischen Mitteln substantiiert werden. 

 

Karl Marx, in: "Aus Ateliers der Bundesrepublik Deutschland", Katalog, hrsg. vom Bundesverband Bildender Künstler, Landesverband Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1988

 

 

Meisterschaft im Verborgenen 

Das Werk der Malerin Gisela Radu wartet darauf, entdeckt zu werden

 

In unserer marktwirtschaftlichen Erfolgsgesellschaft sind wir versucht zu sagen: Kunst ist, was sich durchsetzt. Kunst ist, was in den großen Museen hängt und was in namhaften Galerien ausgestellt wird. Wo die Vernissage ein kulturelles Highlight ist und das Gros der ausgestellten Werke schon am ersten Abend verkauft ist. 

Und doch greift diese Definition zu kurz. Die Bilder von Vincent van Gogh werden heute für dreistellige Millionenbeträge versteigert. Aber er selbst konnte nie von seiner Kunst leben. Er soll nur ein einziges seiner Bilder verkauft haben. Auch Monet war arm, Caspar David Friedrich war lange Zeit völlig vergessen.

Woran also messen wir die Qualität von Kunst? Woran messen wir den künstlerischen Wert von Bildern wie denen Gisela Radus, die der Öffentlichkeit wie auch dem Kunstmarkt weitgehend verborgen geblieben sind?

 

Für mich geht es an dieser Stelle um zwei Fragen: Versteht die Person ihr Handwerk? Und: Hat sie als Künstler etwas zu sagen? Hat sie eine eigene Handschrift, einen persönlichen Stil? Sind ihre Bilder mehr als ein Abbild? Diese Fragen habe ich im Kopf, wenn ich zum ersten Mal vor den Arbeiten einer Künstlerin oder eines Künstlers stehe. 

 

Versteht Gisela Radu ihr künstlerisches Handwerk? Diese Frage getraue ich mich ohne Wenn und Aber mit Ja zu beantworten. Ihre erhaltenen Arbeiten sind von hoher handwerklicher Qualität. Die Bilder aus ihrer Zeit als Meisterschülerin und kurz danach sind ausgefeilt. Man sieht, dass sie ihr Handwerk gelernt hat. 

Alle sind sorgfältig ausgearbeitet. Da ist nichts Flüchtiges, Hingeworfenes, kein angeblicher „Rausch des jungen Genies“, hinter dem sich handwerkliche Mängel verbergen. Im Gegenteil: Jedes dieser Bilder ist eine Herausforderung an das Können. Für mich haben diese frühen Bilder etwas Altmeisterliches. 

Und noch etwas ist diesen Bilder gemeinsam: Sie zeigen Gisela Radus großes Wissen um Bilder und Formen früherer Epochen. Die Holzpuppe mit dem Gesicht einer Madonna (Puppenbild 2 von 1978/1979), der Mann mit dem Kopf eines römischen Jünglings (Puppenbild 1 von 1978). Die vier Frauen mit einer Körperhaltung, die mich an Bilder aus der Zeit des Minnesängers Walther von der Vogelweide erinnern (Schwestern von 1980). Die vorherrschende Farbe in dieser frühen Phase ist braun, die Tönung ist eher dunkel.

In ihren späteren Bildern lässt Gisela Radu diese altmeisterliche Strenge hinter sich. Die Konturen werden weicher, die Farbpalette wird größer. Was bleibt, ist die sorgfältige Ausarbeitung. Das Setzen von Licht und Schatten. Die beiden Frauen am Drahtzaun in Der Zaun von 1985, die Frau in der Hängematte in “Ohne Grund” von 1987, die Frau auf der Kante der Chaiselongue in Warten I von 1986.

Was sich ebenfalls durch die Jahre zieht, ist Gisela Radus großes Wissen um Mode und Kleidung. Ihre Liebe zum guten Stil. Wir finden dieses Wissen und diese Liebe in einer frühen Arbeit, dem Porträt einer Frau mit einem verdecktem Auge (Frau in Rot von 1979), im Mix aus Stoffen, Pelz und einem Handschuh aus einem gehäkelten Nichts. Wir finden sie in den Modestil-Bildern der Vogue-Serie mit Momentaufnahmen von den 1920er bis in die 1950er Jahre, und wir finden sie am Ende zusammengefasst im Tableau Von der Antike zur Moderne von 2016. Bei Mode und Stil kennt sich die Künstlerin aus, und dieses Wissen setzt sie in ihren Bildern ein.

Auch ihrer Maltechnik bleibt Gisela Radu treu. Die meisten ihrer Bilder führt sie in Eitempera aus. Diese Technik ist seit dem Mittelalter bekannt. Die Farbe trocknet schnell, es lassen sich leicht mehrere Schichten übereinanderlegen, deckend oder als Lasur. Die Farben behalten ihre Leuchtkraft über Jahrhunderte hinweg.

Die Nachteile von Eitempera: Im flüssigen Zustand verdirbt die Farbe schnell. Es gibt sie nicht in der Tube, man muss sie direkt vor dem Malen selbst anmischen. Und: Weil sie schnell trocknet, sind sanfte farbliche Übergänge besonders schwierig.

Gisela Radu hat diese Herausforderung gemeistert. Wenn wir uns zum Beispiel den Farbverlauf anschauen beim Hintergrund von Der Zaun - oder die Schatten auf dem Bild der Frau auf der Chaiselongue in Warten I, dann ahnen wir, welch hohes handwerkliches Können in diesen Arbeiten steckt.

Damit ist meine erste Frage beantwortet: Ja, Gisela Radu versteht ihr Handwerk.

 

Kommen wir zur zweite Frage: Hat sie als Künstlerin etwas zu sagen? Hat sie eine eigene Handschrift, einen persönlichen Stil? Sind ihre Bilder mehr als ein Abbild? 

Nicht alle Bilder von Gisela Radu haben einen Titel oder die Titel sind bewusst offen gehalten. Sie haben also keine vordergründige Botschaft. Das muss kein Nachteil sein. Ich kenne eine Künstlerin, die ihren Bildern nie einen Titel gibt. Sie sagt: Ein Titel kann einschränken, ohne Titel sind wir als Betrachtende frei.

Dann stehen oder sitzen wir also, und lassen diese Bilder auf uns wirken. Wenn sie etwas in uns ansprechen, dann kann dies beabsichtigt sein – oder es ist zumindest so angelegt, dass diese Möglichkeit besteht, dass ein Bild eine Tür in uns öffnet.

M e i n  stärkster Eindruck bei den Bildern von Gisela Radu ist: Diese Menschen sind allein. Nicht in Kontakt. Der Blick geht nach innen, oder er geht ins Leere. Auch dort, wo die Malerin zwei oder mehr Personen zeigt, sind diese nicht wirklich im Kontakt. Das kann Einsamkeit sein, es kann ein Schutz gegen Verletzung sein. Oder beides. Stoff zum Nachspüren bietet es allemal.

Damit kann ich auch meine zweite Frage mit Ja beantworten. Und sage in aller Bescheidenheit als Nicht-Kulturwissenschaftler: Ja, für mich sind diese Bilder Kunst.

 

Bleibt die Frage, warum Gisela Radu so gut wie nie ausgestellt wurde. Wie viele Künstlerinnen und Künstler tat sie sich schwer, mit ihrer Kunst hausieren zu gehen. Die Vorstellung war ihr ein Gräuel, sich dem Kunstmarkt anzudienen und sich seinen Gesetzen zu unterwerfen. 

Einzelne Versuche hat sie gestartet, aber die liefen ins Leere. Fachleute bescheinigten ihren Arbeiten eine hohe Qualität, aber die Galeristen winkten ab. Ihre Arbeiten passten nicht in die Zeit. Kommerzielle Galerien müssen auch Geld verdienen. Sie stellen nur aus, was sich verkaufen lässt. 

Ihrem Stil blieb Gisela Radu trotzdem treu. Sie mochte ihre Bilder, und sie wusste: Ich bin gut.

 

Hans Ruoff, Rede zur Einführung in die Arbeiten von Gisela Radu, gehalten anlässlich der Ausstellung Zwischenwelten I und Trauerfeier der Malerin am 23. November 2023 in Berlin, leicht überarbeitet für die Wiedergabe auf dieser Website.

 

© Hans Ruoff art@cleartext.de